AchtungFür den Text erforderliche Vorkenntnisse:
LinkTransformationskurve

Auf, über und unter der Transformationskurve

Die Transformationskurve unterteilt den Güterraum einer Volkswirtschaft in drei Bereiche:

Abb. 1
Abb. 1:Transformationskurve

  1. Güterkombinationen, die unter der Kurve liegen
  2. Güterkombinationen, die auf der Kurve liegen
  3. Güterkombinationen, die außerhalb der Produktionsmöglichkeiten liegen.

Bereich 1: Unter der Kurve

Im Bereich unter der Transformationskurve finden wir zum Beispiel den Punkt R. Er zeigt uns an, dass die Wirtschaft aktuell 60 Einheiten "Andere Güter" und 40 Einheiten "Landesverteidigung" herstellt. Wie die kleinen roten Pfeile erkennen lassen, könnten mehr "Andere Güter" oder mehr Landesverteidigung hergestellt werden, ohne dass die Produktion des jeweils anderen Gutes eingeschränkt werden müsste. Ebenfalls wäre es möglich, die Produktion beider Güter zugleich zu erhöhen.

Es gibt zwei Erklärungen, warum eine Wirtschaft ihre Produktionsmöglichkeiten nicht ausschöpft:

  1. Es werden nicht alle zur Verfügung stehenden Produktionsfaktoren beschäftigt; mit anderen Worten ausgedrückt: Es herrscht Unterbeschäftigung (z. B. Arbeitslosigkeit).
  2. Die Produktionsfaktoren werden nicht in der Verwendung eingesetzt, in der sie den größten Ertrag bringen. Wenn eine Wirtschaft die Friseure Autos reparieren und die Mechatroniker Haare schneiden lässt, wird sie ihre Produktionsmöglichkeiten nicht voll ausschöpfen und sich somit unterhalb ihrer Produktionsmöglichkeitengrenze befinden.

Ich weiß, dass Sie weitere Erklärungen kennen. Sie lassen sich aber immer auf die beiden genannten zurückführen. Zum Beispiel könnte Ihnen eingefallen sein, dass nicht genug Nachfrage nach den beiden Gütern vorhanden ist und die Unternehmen keine Güter produzieren, für die sie keine Nachfrage erwarten. Wenn Sie so denken, denken Sie übrigens Externer Link"keynesianisch". Das ist nicht falsch, aber es ist auch keine andere Erklärung als der erstgenannte Grund (Unterbeschäftigung).

Bereich 2: Auf der Kurve

Aus der Konstruktion der LinkTransformationskurve wissen wir, dass Punkte auf der Kurve nur erreicht werden, wenn die Produktionsfaktoren vollbeschäftigt und dort eingesetzt sind, wo sie den größten Ertrag erbringen.

Punkte auf der Transformationskurve heißen technisch effizient: Die Produktion eines Gutes lässt sich nur auf Kosten der Produktion eines anderen Gutes erhöhen.

S und T sind Beispiele für technisch effiziente Produktionen.

Punkte auf der Kurve sind nicht "besser" oder "schlechter" als Punkte unter oder über der Kurve. Wenn wir in Erfahrung bringen möchten, ob der Punkt T dem Punkt R überlegen ist, dann müssen wir die Güter auf irgendeine Art bewerten, damit wir sie miteinander vergleichen können. Im konkreten Fall wäre offensichtlich eine Entscheidung erforderlich, ob 52 Einheiten Landesverteidigung mehr oder weniger wert sind als 32 Einheiten "Andere Güter". Für die "Anderen Güter" (bspw. Kühlschränke, Brötchen, Urlaubsreisen ...) könnte man eventuell auf deren Preise zurückgreifen, um ihren Wert für die Gesellschaft abzuschätzen. Aber wie bewertet man die Landesverteidigung?


Zum Nachdenken:

Warum sollen Preise eine vernünftige Methode sein, den Wert von Gütern für eine Gesellschaft abzuschätzen? Ist der Preis für ein Brötchen ein guter Maßstab für den Wert eines Brötchens? Ist der Preis für eine Kilowattstunde Strom ein guter Maßstab für den Wert von Strom? Spielt es unter Umständen eine Rolle, wie der Strom produziert wurde?


Um es ganz klar zu sagen: Ein Punkt unter der Transformationskurve kann besser sein als ein Punkt auf ihr, denn das eine Situation technisch effizient ist, heißt ja noch lange nicht, dass sie auch erwünscht ist. Könnte unser Land sich absolut sicher sein, nicht angegriffen zu werden, warum sollte es dann Ressourcen für die Landesverteidigung aufwenden? In diesem Fall wäre der Punkt R dem Punkt T klar überlegen. Am besten wäre es natürlich, 100 Einheiten "Andere Güter" herzustellen.

Bereich 3: Über der Kurve

Auch Punkte über der Kurve lassen sich erreichen. Allerdings muss sich dafür etwas verändern. Um einen Punkt wie U erreichen zu können, ist Wachstum erforderlich, das die Transformationskurve nach außen verlagert. Es kann in zwei Formen auftreten:

  1. Mengenmäßiges Faktorwachstum
  2. Technischer Fortschritt

Mengenmäßiges Faktorwachstum wird entweder durch Konsumverzicht oder durch eine Bevölkerungszunahme erreicht. Im ersten Fall konsumiert die Volkswirtschaft nicht alle Güter, die sie produziert hat. Der Rest - das Sparen - steht für Investitionen zur Verfügung, die den Kapitalstock vermehren (mehr zu den saldentechnischen Zusammenhängen von Konsum, Sparen und Externer LinkInvestitionen). Im zweiten Fall stehen mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, zumindest wenn die Erwerbsquote konstant bleibt. Steht mehr Kapital oder mehr Arbeit zur Verfügung, kann bei gleicher Technologie natürlich mehr produziert werden. Die Transformationskurve verlagert sich dementsprechend nach außen.

Umgekehrt kann die Produktion bei konstanter Faktorausstattung erhöht werden, wenn sich Verbesserungen in den Produktionsprozessen realisieren lassen. Solche Verbesserungen heißen technischer Fortschritt. Er kann in verschiedenen Formen auftreten. So kann er zum Beispiel an Investitionen gebunden sein, durch eine bessere Ausbildung der Arbeitskräfte oder auch nur durch eine bessere Organisation des Produktionsprozesses entstehen. Letzteres lässt sich schwer beobachten und ist vielleicht gerade deswegen ein gern benutztes Argument, hohe Einkommen des Managements einer Unternehmung zu rechtfertigen.

Abb. 2
Abb2: Maussensitives Diagramm

Die Wirtschaft kann Punkte außerhalb ihrer eigenen Produktionsmöglichkeiten auch durch Handel erreichen. Wenn man so will, ist Handel eine Form technischen Fortschritts, die es ermöglicht, ein Gut in ein anderes umzuwandeln. Um dies zu verdeutlichen, betrachten wir den Punkt U in Abbildung 2.

Um die Betrachtung einfach zu halten, nehmen wir weiterhin an, dass unser Land so klein ist, dass es Preise auf dem Weltmarkt gehandelter Güter nicht beeinflussen kann - etwa so wie sich Schwankungen im Heizölverbrauch von Luxemburg kaum im Weltmarktpreis für Rohöl widerspiegeln werden. Außerdem soll gelten, dass auf dem Weltmarkt der Preis für "Andere Güter" 1 US-Dollar und der Preis für "eine Einheit Landesverteidigung" 2 US-Dollar sei. Dabei stellen wir uns Landesverteidigung als handelbare Waffen vor.

Unsere Wirtschaft kann nun die durch U angezeigte Güterversorgung durch Außenhandel erreichen. Sie können das erkennen, wenn Sie die Maus über die Abbildung führen. Wenn die Wirtschaft in T produziert, kann sie Waffen exportieren und im Gegenzug dafür andere Güter importieren. Für den Export von 26 Einheiten Waffen werden bei einem Waffenpreis von 2 Dollar 52 Dollar erlöst. Dafür können auf dem Weltmarkt 52 Einheiten "Andere Güter" zum Preis von je einem Dollar gekauft werden.

Zwar verfügt unsere Wirtschaft in der durch U beschriebenen Situation über mehr Güter als in Situation S, aber wiederum lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, dass die Situation U der Situation S vorzuziehen ist. U lässt sich nämlich nur erreichen, wenn unsere Wirtschaft Waffen exportiert. Und es könnte ja durchaus sein, dass sich die Bevölkerung aus Gewissensgründen gegen Waffenexporte entscheidet und bereit ist, dafür Einbußen bei der Güterversorgung hinzunehmen. Spielen solche Überlegungen jedoch keine Rolle, lässt sich klar feststellen, dass mit Außenhandel eine Güterversorgung erreicht werden kann, die die Wirtschaft aus eigener Anstrengung mit der gegebenen Technik und den gegebenen Ressourcen nicht hätte realisieren können.


Mehr zu den Vorteilen aus Handel/Tausch: LinkDas Theorem vom komparativen Vorteil.

 

VWL.Wilhelm-Lorenz.de :: Impressum :: © W. Lorenz 2009